Kairo: Leben auf dem Müllberg

Eine Reportage von Lina Küppers

Osterferien 2010. Die meisten Schülerinnen und Schüler  genießen ihre freie Zeit, fahren an den Strand oder bleiben einfach zu Hause und spannen mal richtig aus. Ich aber hatte ein großes Ziel: Ägypten.  Nicht etwa, um dort tauchen zu gehen und ausschließlich die Sonne und den Strand zu genießen. Sonne wollte ich zwar auch, aber mein Ziel war ein anderes.

Smog in Kairo
Smog in Kairo

Ich wollte nach Kairo. In die Stadt, die so viele Einwohner wie ganz NRW hat. Dort wollte ich mir selber ein Bild von der Schule machen, die unsere Schule  mit unseren Spenden, die wir durch den Kairo- Kreis sammeln, unterstützen. Gehört hatte ich zwar schon einiges und Bilder gesehen hatte ich auch, aber so richtig vorstellen konnte ich mir das Ganze nicht. Den Müll, der überall auf den Straßen liegt, kann man durch Bilder eben nicht riechen und auch war ich der Meinung, dass die Situation der Menschen dort durch die Bilder nicht  realistisch dargestellt wird. Kurzum: Nach Frau Christofziks Vorstellung des Projektes wollte ich die Sache doch mit eigenen Augen sehen und beschloss „einfach“ mal hinzufahren…

Gesagt, getan. Anfang der Osterferien stand ich dann also mit gepackten Koffern am Flughafen in Düsseldorf und fieberte zusammen mit dem Rest der Gruppe, die aus Kairo- Interessierten bestand, dem Abflug entgegen. Organisiert wurde die ganze Reise vom Kirchenkreis Moers. Leicht war mein Koffer nicht. Da ich nach den Ferien mein Abitur machen wollte, hatte ich einige Bücher eingepackt, um in einer stillen Stunde etwas für die Schule zu tun. Dann war es endlich soweit. Der Abflug stand  bevor und ich hob ab, um einer neuen Welt entgegen zu fliegen. Einer neuen, völlig anderen Welt. Einer, die ich noch nie gesehen hatte, in den nächsten zwei Wochen aber kennen und lieben lernen sollte. Aber auch das kritische Hinterfragen blieb nicht aus. Ist es richtig oder notwendig, dass die Frauen sich verschleiern müssen? Teilweise sogar ganz, sodass sie nur noch durch einen winzigen Spalt etwas sehen können? Ich bin der Meinung, dass dies die Rechte der Frauen verletzt. Haben nicht auch sie ein Recht darauf das anzuziehen, was sie schön finden? Auch wenn es der Kultur zuliebe lange Klamotten sind, aber die Verschleierung ist meiner Meinung nach nicht nötig. In Ezbet el Nakhl stellt sich diese Frage nicht. Hier leben überwiegend Kopten, die diese Pflicht – sich zu verschleiern – nicht haben.

Müllgebiet Ezbet Al Nakhl in Kairo
Müllgebiet Ezbet Al Nakhl in Kairo

Das Müllgebiet in Ezbet el Nakhl besteht aus vielen kleinen Hütten. Dort werden neue Häuser aus Backstein gebaut, jedoch sind diese nur halbfertig; bewohnt werden sie trotzdem. In den Hütten, die aus Müll bestehen, wird der angelieferte Müll sortiert.  Schaut man sich Fotos an, so sieht alles sehr unwirklich aus. Wir können uns nicht vorstellen, dass es so etwas gibt. Ist man dann vor Ort und sieht dieses Gebiet mit eigenen Augen und geht hindurch, so gibt es keinen Fleck auf dem Boden, der nicht von Müll bedeckt ist und man muss aufpassen, wo man hintritt. Ganz zu schweigen von dem unangenehmen Geruch, der in der Luft liegt. Man fühlt sich selber etwas schmutzig und möchte sich am liebsten pausenlos die Hände waschen. Beeindruckend ist, dass die Menschen in diesem Gebiet „normal“ leben und auf ihre Weise Ordnung halten. So wird der Müll zum Beispiel getrennt. Jeder hat hier seine Aufgabe. Auch die Kinder helfen mit und so ist in dem Chaos, welches man auf den ersten Blick sieht, doch eine gewisse Struktur vorhanden.

Artikel aus der Rheinischen Post
Artikel aus der Rheinischen Post

In der Mitte dieser Müllstadt liegt die Mahaba-Schule,  der Grund meiner weiten Reise. Direkt am Dienstag besuchten wir die Schule und was uns dort erwartete war prägend und hat mich etwas verändert. Erst standen wir vor dem verschlossenen Tor, doch als es dann geöffnet wurde, kam uns tosender Applaus entgegen. Ein Schulhof voller Kinder in Schuluniform, die klatschten oder Schilder hochhielten, die uns herzlich willkommen hießen. Es war ein so rührender Empfang, dass bei manchem von uns die Augen nicht trocken blieben. Solch eine saubere Einrichtung in der Mitte eines Müllgebietes zu finden, ist schon erstaunlich und gleichzeitig beeindruckend. Für uns war ein vielseitiges Programm organisiert worden und so sahen wir die Schule, verschiedene Tänze, Chorstücke, Akrobatik, Klassenräume und vom Dach aus die Hütten, in denen der Müll mit bloßen Händen sortiert wird. Der Anblick, bzw. Ausblick vom Dach verschlug uns allen erst einmal die Sprache. Tiere standen auf meterhohen Müllbergen oder lagen dazwischen, Kinder spielten inmitten des Mülls, alte Frauen saßen einfach nur da und überall fuhren Eselskarren voll beladen mit Müll herum. Erster Eindruck: Schockierend! Vom Dach aus sah man nicht nur das Müllgebiet, sondern konnte auch auf den Schulhof und Sportplatz der Schule blicken, die, im Gegensatz zum Rest des Gebietes, sauber und ordentlich waren. Viele Eltern können sich den Schulbesuch ihrer Kinder nicht leisten und so ist die Zukunft der Kinder vorherbestimmt. Sie treten in die Fußstapfen ihrer Eltern und werden Müllsammler oder –sortierer. Und da kommt nun unser Kairo- Kreis ins Spiel. Das Geld, was wir sammeln, geht auf direktem Weg und in voller Höhe an die Schule in Kairo. Mit unseren Spendengeldern ermöglichen wir Kindern eine Schulausbildung, die sie sich selbst nicht leisten können.

In Kairo ist es so, dass viele Kinder keine Möglichkeit haben, eine Schule zu besuchen. Sie müssen arbeiten, um für sich und ihre Familie Geld zu verdienen. Oft können sie weder lesen noch schreiben. Ebenfalls sind die Abschlüsse, die man an öffentlichen Schulen macht, nicht besonders gut. Nicht nur das Schulsystem, sondern auch die Situation der Lehrer ist katastrophal. Sie verdienen nach Leistung der Schüler und müssen hoffnungslos überfüllte Klassen unterrichten. So ist es klar, dass die Lehrer nicht viel verdienen. Sie müssen durch weitere Jobs Geld dazuverdienen, um Leben zu können. Da der Bildungsstand der Kinder so schlecht ist, wurden Nachhilfeschulen eingerichtet. In diesen Nachhilfeschulen unterrichten dann die Lehrer, die sonst in den staatlichen, etc. Schulen unterrichten würden. Die Klassen sind etwas kleiner und die Schüler lernen hier nach einem festen Lehrplan. So wird erreicht, dass die von der Regierung angesetzten Prüfungen halbwegs gut verlaufen. Ganz anders ist es in der Mahaba-Schule. Sie verfügt über eine gute technische Ausstattung und einen hohen Standard. Es wird auf Sauberkeit geachtet (und das in der Mitte eines Müllgebietes) und den Kindern die Möglichkeit gegeben, hier ihren Abschluss zu machen. Dieser Abschluss berechtigt die Schülerinnen und Schüler dazu, an einer Universität  studieren zu können. Das ist aber nur möglich, wenn die Schüler selber daran interessiert sind und auch lernen. Anfangs besuchten nur 200 Schülerinnen und Schüler die Mahaba-Schule. Inzwischen gehen dort heute mehr als 2550 Schüler zur Schule, sodass sie regelmäßig ausgebaut werden muss. Diese Schüler kommen aus dem Müllgebiet und der Stadt gleichermaßen. Jedes Kind muss das Schulgeld bezahlen. Die Kinder aus dem Müllgebiet werden mit Spendengeldern unterstützt. Unsere Schule, und auch die anderen Helfer, geben ihnen die Chance, mehr aus sich zu machen als Müllsammler oder –sortierer.

Nach der Reise ist mir erst richtig bewusst geworden, wie wichtig unsere Arbeit im Kairo- Kreis ist. Nicht, dass ich vorher dachte es sei nicht wichtig, aber alles mit eigenen Augen zu sehen ist schon etwas anderes und es war toll so eine Erfahrung machen zu dürfen. Viele Schüler in Deutschland sind sich gar nicht bewusst, dass es sich lohnt in die Schule zu gehen. Für sie ist das täglich frühe Aufstehen einfach nur ätzend und sie wünschen sich nichts mehr, als nicht mehr zur Schule gehen zu müssen. Dass nur ein paar Flugstunden von hier Kinder sich freuen in die Schule gehen zu dürfen, können sie sich nicht vorstellen.

Bei meinem Besuch in der Mahaba-Schule machten die Kinder einen stolzen Eindruck. Sie sind stolz diese Schule besuchen zu dürfen  und freuten sich, uns ihre vorbereiteten Stücke darzubieten und uns ihre Schule zu zeigen. Für uns ist es selbstverständlich eine Schule zu besuchen, lesen, schreiben und rechnen zu können und eine Ausbildung zu genießen. Wir haben die Perspektive später einmal arbeiten zu können und in einem von uns gewählten Beruf Geld zu verdienen. Die Situation der Kinder, die sich die Schule nicht leisten können, ist aussichtslos. Deshalb ist es so wichtig, diesen Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen und ihnen eine Perspektive zu geben. Meiner Meinung nach interessieren sich zu wenige Menschen für das Schicksal anderer. Das ist meist nicht böswillig. Eher geschieht es aus Unwissenheit und vielleicht auch aus Angst zu erkennen, dass es anderen Menschen schlechter geht als ihnen selbst. Über eigene Probleme zu meckern ist oftmals einfacher als der Versuch, sich anderer Menschen Probleme anzunehmen. Wir sind einfach zu bequem und wählen oftmals den Weg des geringsten Widerstandes.

Die Weitergabe der Informationen über die auswegslose Situation dieser Menschen halte ich für äußerst wichtig. Wenn jeder hilft, sei es durch Spenden oder einfach nur durch das Weitertragen der Informationen und Verbreitung dieser, können wir gemeinsam viel bewegen und den Kindern in Ezbet el Nakhl eine neue Perspektive geben. Ich selber bin dabei. Wie sieht es mit dir aus? Hilfst du mit?

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